Wir Menschen halten es sehr unterschiedlich mit dem Schenken von Vertrauen. Die einen mögen am liebsten gar nicht vertrauen -nichts und niemandem- und die anderen vertrauen sehr leicht -viel zu leicht. Und natürlich gibt es auch die dazwischen: Menschen, die vor allem Menschen in ihrem Umfeld vertrauen oder andere, die Menschen mit Rang, Namen und Titel vertrauen. Dann gibt es noch die, die der KI und ihren Antworten vertrauen oder die, die ihrer Bubble in Social Media vertrauen. Ich könnte diese Liste unendlich fortsetzen.
Eine Tatsache ist, dass unser Leben und unsere Welt zu komplex sind, um es sich erlauben zu können nicht zu vertrauen. Denn mit Vertrauen kompensieren wir Nicht-Wissen und werden dadurch erst handlungsfähig. Wenn wir alles wüssten, genug Zeit hätten uns alles zu erschließen, alle Informationen einzuholen und alle Berufe zu erlernen, dann bräuchten wir niemandem - zumindest fast niemandem zu vertrauen. Da unsere Zeit und auch unsere kognitiven Fähigkeiten aber begrenzt sind, bleibt uns nichts anderes übrig als regelmäßig Vertrauen zu schenken.
Vertrauen ist allerdings eine Entscheidung sich verletzlich zu zeigen und bewusst ins Risiko zu gehen. Vertrauen ist immer mit Risiko verbunden, denn man wird nie ausreichende Informationen haben, um Vertrauen rechtfertigen zu könne. Außerdem ist Vertrauen ein einseitiger Akt. Wir entscheiden uns, jemandem zu vertrauen und es ist komplett unser eigenes Risiko. Die Wortphrase: „Du hast mein Vertrauen enttäuscht“ ist eigentlich nicht korrekt, denn die andere Person ist in die Entscheidung gar nicht involviert, oft weiß sie gar nichts davon, wer entschieden hat ihr zu vertrauen und wer nicht. Diese Sichtweise ist zwar etwas unbequem für die Person, die Vertrauen schenkt, das volle Risiko trägt und ganz allein in der Verantwortung ist, aber sie ist näher an der Realität.
Wir vertrauen der Zeitung, die wir lesen, der Journalistin und ihrer Recherche, dem Arzt der uns behandelt, den Wissenschaftlerinnen und ihren Analysen und Prognosen, dem Dozenten, unserer Direktkandidatin bei der Bundestags- oder Landtagswahl, usw. Selbst wenn wir uns entscheiden, der einen Zeitung nicht zu vertrauen und noch eine zweite oder dritte zu lesen, irgendwann legen wir für uns fest, welcher wir vertrauen, zumindest für einen bestimmten Zeitraum und ein bestimmtes Thema. Falls wir dem Arzt nicht vertrauen, holen wir ein Zweitmeinung ein, und auch da gilt, ab einem gewissen Punkt vertrauen wir einem von beiden und folgen seiner Behandlungsempfehlung. Es wäre eine Illusion zu glauben, wir hätten es nicht nötig zu vertrauen und könnten alles kontrollieren. Kurzum: ohne Vertrauen können wir unser Leben nicht leben.
Misstrauen hingegen führt zu Kontrolle, kostet Zeit und Kapazität, während Vertrauen die Komplexität in unserem Leben reduziert. Mit diesen beiden Werkzeugen sind wir in der Lage unser Wohlbefinden zu steuern. Wir haben die Dosierung selbst in der Hand: Vertrauen wir wenig, hinterfragen wir alles, bedeutet das, dass wir viel Arbeit in persönlichen Wissenserwerb investieren müssen oder die Dinge selbst tun müssen. Vertrauen wir viel, machen wir uns das Leben einfacher. Was nicht heißen soll, dass ich hier für blindes Vertrauen werbe. Natürlich ist kritisches Denken von höchster Relevanz, aber eben nicht immer und in jeder Situation neu.
Mit diesen Gedanken verabschiede ich mich für das Jahr 2025 und bedanke mich bei allen Leser:innen für Euer Interesse. Für das Jahr 2026 wünsche ich Euch Zuversicht, Risikobereitschaft zu vertrauen, Tatendrang und kreative Ideen!
Dieser Text erschien zuerst in meinem Newsletter „Innovation am Mittwoch“. Der Newsletter erscheint einmal im Monat. Hier können Sie ihn abonnieren