Sind alternative Wirtschaftsbetriebe wie Kollektive eine Ausnahmeerscheinung oder ein Zeichen der Zeit?

Am Wochenende ist mir ein Artikel der Süddeutschen Zeitung ins Auge gesprungen mit dem Titel: „Die drei vom Kollektiv“. Natürlich musste ich diesen sofort lesen, da er von verteilter Führung, Selbstorganisation und flachen Hierarchien handelte – also meinen Herzensthemen!

Der Artikel handelt im Wesentlichen von der Nachfolgeregelung eines Klempnerbetriebes in Nürnberg. Der designierte Nachfolger des alten Chefs empfindet Unwohlsein, plötzlich Chef zu sein, allein die Verantwortung zu tragen und seinen ehemaligen zwei Kollegen nun Anweisungen geben zu müssen. Nach einigen emotionalen ‚Aufs und Abs‘ entscheidet er sich, zusammen mit seinen Kollegen ein Kollektiv zu gründen, d.h. die Firma gehört allen dreien zu gleichen Teilen, alle bekommen das gleiche Gehalt, obwohl nur einer von den dreien den Meistertitel trägt, und keiner ist der Chef. Es gibt also niemanden, der die Arbeit verteilt und allein die Verantwortung für die Firma trägt. Den dreien bleibt nichts anderes übrig, als sich einmal in der Woche zusammenzusetzen, um ihre Arbeit zu strukturieren sowie über Probleme und Befindlichkeiten zu reden. Man stelle sich das vor: drei Klempner (‚Gas, Wasser, Sch...‘) sitzen einmal in der Woche in einem Stuhl- bzw. Gesprächskreis zusammen. Tatsächlich kann ich mir das gut vorstellen. Und das beschreibt auch der Artikel in der Süddeutschen Zeitung sehr eindrücklich.

Aber was ist eigentlich ein Kollektiv? 

Definition der ‚Internationale Cooperative Alliance‘: Kollektive sind auf den Menschen ausgerichtete Unternehmen, die sich im Besitz und unter der Kontrolle ihrer Mitglieder befinden und von ihnen und für sie geführt werden, um ihre gemeinsamen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse und Bestrebungen zu verwirklichen. 

Kurz gesprochen bedeutet dies: es gibt gleichberechtigte Entscheidungsstrukturen aller Mitarbeiter und die Firma gehört den Mitarbeitern - bestenfalls zu gleichen Teilen. Menschen, die Kollektive als alternative Wirtschaftsbetriebe gründen oder sich daran beteiligen, haben oft folgende Motivationen:

  • Sie stellen politisch gesellschaftliches Engagement über Profitmaximierung;
  • Sie wünschen sich eine Verteilung von Verantwortung sowie gleichberechtigte Bezahlung;
  • Und bauen ihr Arbeiten auf dem Prinzip Vertrauen auf.


So haben die drei Klempner aus Nürnberg in ihrem Kollektivvertrag festgelegt, dass jeder von ihnen einmal im Jahr seine Arbeitskraft in den Dienst eines sozialen Projektes stellt und zwar während der Arbeitszeit. Hier wird deutlich: Profitmaximierung ist nicht das höchste Ziel des Betriebes. 

Studien belegen immer wieder, dass Unternehmen, die nicht einzig und allein nach Zahlen und Gewinnmaximierung steuern, eine höhere Anpassungsfähigkeit und Überlebens-Chance in Krisen haben. Das liegt wohl daran, dass ihr Handeln langfristigere Ziele im Blick hat, die weniger stark von externen Wirtschaftsdynamiken abhängen. So belegt beispielsweise der Bericht der International Cooperative Alliance von 2013, dass 87% der Kollektive noch im 6. Jahr nach Gründung existieren, aber nur 50% der hierarchisch organisierten Betriebe.

In Deutschland wird es Unternehmen und Gründer:innen allerdings nicht leicht gemacht als Kollektiv zu agieren, da eine entsprechende Rechtsform fehlt. Bei nur wenigen Mitarbeitern bis zu 3 Personen wird oft die Rechtsform der GmbH gewählt. Schwierig wird es bei größeren Betrieben, die kollektiv betrieben werden sollen. Wird auch hier eine GmbH gegründet, haften einige Mitarbeiter und andere nicht – es kommt zu einem Ungleichgewicht: gleichförmig verteilte Entscheidungsgewalt wird nicht in gleichförmig verteilten Eigentums- bzw. Haftungsverteilung abgebildet. Oft hilft man sich hier mit einer Kombination von GmbH, Genossenschaft und Stiftung. Das hat allerdings einen hohen bürokratischen Aufwand, den viele Unternehmen verständlicherweise scheuen.

In anderen Ländern (Italien zum Beispiel) ist das etwas anders: dort gibt es seit 36 Jahren mit dem Marcora-Gesetz einen sicheren Rechtsrahmen für Kollektive. Etwa 300 Betriebe in Italien gehören der Belegschaft. Im Gegensatz dazu gibt es in Deutschland nur etwa 100 Kollektivbetriebe (viele davon in Hamburg und Berlin), meist in den Bereichen Kultur, Cafés, Kneipen, Bildungseinrichtungen und Kindertagesstätten. Zunehmend kommen auch Handwerksbetriebe dazu. Weltweit gibt es allerdings über 3 Millionen Kollektivbetriebe und etwa 12% der Weltbevölkerung sind in diesen Kollektiven organisiert. 

Entscheidet Ihr, ob das ein vernachlässigbares Phänomen ist oder nicht...

Mein Fazit: Nein, ich kann nicht in die Zukunft schauen. Trotzdem deute ich die Entwicklungen um uns herum als große Aufbruchsstimmung, in der sich ein breiter Wille zur Veränderung zeigt. Beispiele wie die Verabschiedung des Lieferkettengesetzes, Gerichtsentscheide, die die Politik zu mehr Klimaschutz zwingen, die EU, die Deutschland beim Klimaschutz vor sich hertreibt und nicht mehr anders herum, Vorständinnen wie Janina Kugel, die aussteigen und eine neue Form des Arbeitens fordern, zeigen mir, dass es einen nicht mehr zu überhörenden Ruf nach einem anderen nachhaltigeren und menschenfreundlicheren Wirtschaften gibt. Schonend mit unseren Ressourcen umzugehen, soziales Engagement und echte gleichberechtigte Zusammenarbeit von Mitarbeiter:innen werden die zukünftigen Ziele von Betrieben sein. Diese decken sich zu großen Teilen mit den Motiven von Kollektivbetrieben.

Dieser Text erschien zuerst in meinem Newsletter „Innovation am Mittwoch“. Der Newsletter erscheint jeden zweiten Mittwoch – Hier können Sie ihn abonnieren


Lesetipps:

Die drei vom Kollektiv - SZ von Jasmin Siebert

Mit welchen Konflikten Gründer von Kollektiven rechnen müssen - SZ Interview mit Sonja Löser von Jasmin Siebert
 
contraste - Zeitung für Selbstorganisation

Fahrrad Kurierkollektiv GmbH - weiteres Beispiel für einen Kollektivbetrieb - Berlin 

oose Innovative Informatik eG – selbstorganisiertes Schulungsunternehmen in Hamburg

Dark Horse GmbH – Design Agentur in Berlin arbeitet nach soziokratischem Modell und hat es in seinem Buch: Thank God it's Monday beschrieben

International Cooperative Alliance


Andrea SchmittInnovationstrainerinAm Mittelpfad 24a65520 Bad Camberg+49 64 34-905 997+49 175 5196446

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