Raum für gemeinsames Denken: Meetings mal anders...

Ich habe es tatsächlich gewagt: Nach ziemlich genau 6 Monaten Home-Office und ausschließlich virtuellem Austausch habe ich ein ‚echtes‘ Seminar besucht. Selbstverständlich nur nachdem ich mich vor Anmeldung bei dem Seminarleiter persönlich über sein Hygiene-Konzept informiert habe. Es war natürlich nicht irgendeine Weiterbildung für die ich diese ‚große Gefahr von menschlichen Begegnungen‘ eingegangen bin, sondern das Seminar ‚Thinking Circle‘ bei Matthias zur Bonsen und Jutta Herzog. Die gewählte Formulierung ‚große Gefahr von menschlichen Begegnungen‘ ist, wie Ihr Euch denken könnt, mit einem Augenzwinkern gemeint, hat in Zeiten von Corona für mich allerdings zwei Bedeutungen:

  1. die Gefahr einer möglichen Ansteckung mit dem Corona Virus, da wir mit 12 Personen für 4 Tage in einem zugegeben sehr großen gut belüfteten Raum intensiv zusammengearbeitet haben, und 
  2. die Gefahr der tiefen und berührenden Begegnungen und Erlebnisse.

Und gerade diese zweite ‚Gefahr‘ fasziniert mich jedes Mal aufs Neue, wenn ich nach Oberursel zu den Seminaren von Matthias und Jutta aufbreche. Ich frage mich dann immer: Wie schaffen es die beiden, dass sich Menschen, nämlich ihre Teilnehmer, so sehr öffnen und es somit zu solch tiefen Begegnungen kommt? Für diejenigen, die gerade den Newsletter weglegen wollen, weil es spätestens jetzt zu esoterisch anklingt, möchte ich erwähnen, dass es bei allen Seminaren - so auch bei diesem - um BUSINESS MEETINGS geht! Vielleicht nicht um die üblichen, die wir alle kennen und in denen nur die Personen sprechen, die am schnellsten und am lautesten sind. Auch nicht um die Meetings bei denen nur die Hälfte der Personen eingeladen wurden, die etwas zum Thema beizutragen hätten. Auch nicht, um... (ach, setzt die Liste einfach selbst fort).

Bei dem Thema Thinking Circle geht es darum, Raum zu schaffen für gemeinsames Denken, also darum gemeinsam wirklich Neues zu denken. Das Thema Neues kann sich auf neue Strategien, neue Produkte, neue Lösungen, neue Organisationsformen, eine neue Art einen Konflikt zu lösen, ja einfach alles beziehen. 

Es beginnt damit im Kreis zu sitzen (kennt Ihr noch den Stuhlkreis?). Ja, man ist dann ziemlich ungeschützt ohne Tische und Laptops, also bleibt einem gar nichts anderes übrig, als sich auf das Meeting zu konzentrieren. Das Potential steckt darin, echtes Zuhören zu ermöglichen. Mit dem echten Zuhören wiederum entsteht die Chance, dass bei allen, die gerade Zuhören, neue Denkprozesse angestoßen werden, einschließlich bei dem, der gerade spricht. In einem meiner letzten Newsletter, es war der zum Thema Emotionen, sprach ich bereits darüber, dass einzelne Mitarbeiter und ganze Teams zu besseren Lösungen kommen, wenn sie sich sicher fühlen – Stichwort: psychologische Sicherheit. Genau diese Sicherheit braucht man beim Zuhören und Sprechen auch. Der Sprecher braucht die Sicherheit, dass er in jedem Fall ausreden darf, solange er noch denkt und seine Gedanken noch nicht alle ausgesprochen hat, und der Zuhörer braucht die Sicherheit, dass er in Ruhe zuhören kann, und er auf jeden Fall auch noch Zeit bekommt zu sprechen. Das hört sich sehr trivial an, ist es auch. Nur die Gegebenheiten bei den allermeisten Meetings tragen dem keine Rechnung. Wie häufig unterbrechen wir uns und lassen nur diejenigen zu Wort kommen, die sich nach vorne drängen. Es ist ein Schatz an Gedanken und Potentialen, welchen wir mit unseren üblichen Meeting-Praktiken ungehoben lassen.
Deshalb arbeitet Thinking Circle mit einfachen Formaten, wie zum Beispiel in Runden sprechen, bei dem ein Redeobjekt im Kreis herumgereicht wird. Diese Praktik führt dazu, dass jeder die Sicherheit hat, seine Redezeit zu bekommen. Eine Redeobjektrunde kann auch mehrmals wiederholt werden, bis man das Gefühl hat, dass dieses Format nichts Neues mehr hervorbringt. Wichtig ist ein urteilsfreies Zuhören, denn auch Vorbehalte und Bedenken können neu sein oder zumindest zum ersten Mal geäußert werden und somit eine hohe Relevanz für das besprochene Thema haben.
Ein anderes Format arbeitet mit einem Redeobjekt in der Mitte. Die Person, die etwas sagen möchte, holt es sich, um es, nachdem sie wirklich fertig gedacht und gesprochen hat, für den nächsten Sprecher wieder in die Mitte zu legen. Die goldene Regel lautet: wer das Redeobjekt hat, wird nicht unterbrochen. Dieses Format verlangsamt das Gespräch und wird eingesetzt, wenn das offene Gespräch (so wie wir es kennen, nur mit sehr aufmerksamen Zuhören und natürlich ohne den anderen zu unterbrechen) zu hitzig oder zu schnell wird.
Die aus meiner Sicht wichtigsten Elemente des Thinking Circle, die ich an dieser Stelle unbedingt noch erwähnen möchte, sind die geteilte Verantwortung und Führung im Wechsel. Jeder Teilnehmer achtet darauf, dass die Regeln eingehalten werden, die zuvor vereinbart wurden und zu einem guten Dialog beitragen. Diese Verteilung der Verantwortung bedeutet eine Entlastung für alle - vor allem aber für den Chef. 
Die Rolle des Meetingleiters bekommt den wunderbaren Namen: Gastgeber. Er ist für die klare Intention des Meetings sowie für die Fragestellung(en) verantwortlich, aber auch für den Raum der Zusammenkunft. Die zweite zusätzliche Rolle nennt sich Achtgeber. Diese ist gemeinsam mit dem Gastgeber für die Einhaltung der Gesprächsqualität verantwortlich. Die Rolle des Schreibers sorgt durch die Erstellung der wichtigsten Notizen während des Meetings dafür, dass sich alle anderen Teilnehmer auf den Dialog und das gemeinsame Denken konzentrieren können. Diese drei zusätzlichen Rollen wechseln nach Möglichkeit bei jedem Meeting, so dass jeder Teilnehmer mal in Führung geht.

Zurück zu meinem konkreten Seminarerlebnis: Das gemeinsame Denken mit Hilfe des Thinking Circles haben wir nicht nur theoretisch erarbeitet, sondern die meiste Zeit des Seminares selbst ausprobiert. Es war sehr spannend, zu erleben, wie deutlich anders sich dieser auch für mich neue Rahmen anfühlt verglichen zu klassischen Meetings. Häufig sind mir kritische Situationen aus vergangenen Workshops eingefallen, in denen ein Thinking Circle zu einer Klärung verbunden mit einer Befriedung hätte führen können. 

Mein Fazit: Thinking Circle wird ab sofort mit mir zu allen Meetings und Workshops reisen und ich werde es immer dann einsetzen, wenn ‚Neues‘ gedacht werden möchte. Natürlich werden meine ersten Experimente Corona konform vorwiegend in Online-Meetings stattfinden. Ich freue mich drauf!

Dieser Text erschien zuerst in meinem Newsletter „Innovation am Mittwoch“. Der Newsletter erscheint jeden zweiten Mittwoch – Hier können Sie ihn abonnieren


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Andrea SchmittInnovationstrainerinAm Mittelpfad 24a65520 Bad Camberg+49 64 34-905 997+49 175 5196446

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