Die wenigsten von uns würden von sich behaupten, dass sie Konflikte lieben. Viel mehr
wünschen wir uns Harmonie und Eintracht. Aber kann beziehungsweise sollte es ständige Harmonie überhaupt geben? Ich denke nein!
Wenn wir uns mal bewusst machen, wie wir Menschen gestrickt sind, dann wird uns schnell klar, dass Enttäuschungen und Konflikte mindestens genauso wahrscheinlich sind wie Harmonie und Glückseligkeit.
Denken wir nur daran, wie schwer zugänglich uns unsere eigenen Bedürfnisse und Gefühle oft sind, wie sollen dann andere diese erkennen und angemessen darauf reagieren? Abgesehen vom Erkennen der Bedürfnisse, will das Gegenüber vielleicht auch nicht darauf eingehen, da es diametral andere Bedürfnisse hat. Ein Dilemma!
Und wie oft kommt es zu Missverständnissen, da das Thema Kommunikation ein weites sehr kompliziertes Feld ist. Das Falsche zu sagen ist wahrscheinlicher als das Richtige. Das Falsche zu hören ist ebenso wahrscheinlicher als das Richtige.
Wir sind also ständig damit beschäftigt, Missverständnisse auszuräumen und sich für die eigenen Bedürfnisse einzusetzen. Das könnte man wohl schon als Konflikt bezeichnen. Aber er ist wichtig. Es kann keine persönliche Zufriedenheit geben, wenn man sich nicht aktiv für sich selbst und das Gestalten des sozialen Miteinanders im eigenen Umfeld einsetzt. Das heißt im Umkehrschluss, Konflikte haben eine sinnstiftende Funktion.
Wenn wir uns Organisationen vorstellen, dann ist bei genauerem Hinschauen klar, dass es viele Interessenskonflikte geben muss: beispielsweise zwischen den Mitarbeitenden beziehungsweise ihren unterschiedlichen Rollen und auch zwischen verschiedenen Abteilungen. Zum Beispiel will der Finanzbereich die Ausgaben reduzieren, der Marketingbereich will aber Kampagnen auflegen, um die Reichweite zu erhöhen, und der Vertriebsbereich will vielleicht eine neue Mitarbeiterin einstellen. Zumindest klassische Organisationen mit klaren Rollen- und Abteilungsgrenzen sind so aufgebaut, dass Konflikte genau an diesen Grenzen eingeplant sind. Ein Aushandeln unterschiedlicher Interessen kann man als Konflikt bezeichnen. Ist er vermeidbar? Meiner Meinung nach nein, er ist sogar gewollt.
Schauen wir auf agile Organisationen, die nicht in Funktionsbereiche eingeteilt sind, sondern in interdisziplinäre Produkt- oder Projektteams, dann können wir beobachten, dass sie die meisten Konflikte, die durch Interessenskonflikte der Funktionen entstehen, innerhalb ihrer Teams bearbeiten. Das heißt in einem agilen Team fordert zum Beispiel der Vertriebsexperte des Teams mehr Marketingausgaben, während der Designexperte mehr Nutzertests fordert, das Budget reicht aber nur für eins von beidem.
Konflikte in Organisationen sind also nicht vermeidbar, man kann höchstens entscheiden, wo sie stattfinden: innerhalb des Teams oder an dessen Außengrenzen.
Das heißt, Konflikte aus unserem Alltag oder unserer Arbeitswelt zu eliminieren, ist eine der vielen Illusionen, der wir uns als Menschen hingeben.
Ich plädiere dafür, Konflikte als das zu sehen und anzunehmen, was sie sind, nämlich notwendige Immunreaktionen unseres menschlichen Zusammenlebens oder Zusammenarbeitens. Konflikte dienen dazu,
- persönliche Zufriedenheit zu erlangen, dadurch dass man für die eigenen Bedürfnisse einsteht;
- Veränderungen anzustoßen (in Beziehungen, in Organisationen, in der Gesellschaft) mit dem Ziel, Regeln zu erneuern, ungesunde Zustände zu beenden, Wertesysteme zu hinterfragen oder Innovationen zu ermöglichen.
Kurzum: ohne Konflikte würde nichts mehr funktionieren.
Dieser Text erschien zuerst in meinem Newsletter „Innovation am Mittwoch“. Der Newsletter erscheint einmal im Monat. Hier können Sie ihn abonnieren